Anfang Dezember 2025 wurde Graz für drei Tage zur Batteriehauptstadt Europas: Rund 1.600 Fachleute aus Wissenschaft und Industrie diskutierten bei den Battery Innovation Days über die Zukunft der E-Mobilität. Im Zentrum der Aufmerksamkeit: Das AVL Battery Innovation Center in Graz-Lend, das seit seiner Eröffnung 2021 zu einem europäischen Leuchtturmprojekt für die Entwicklung und Industrialisierung von Hochvoltbatterien geworden ist. Die rund 12 Millionen Euro teure Einrichtung verbindet Batterieentwicklung mit Produktionsexpertise – ein Ansatz, der die Steiermark zum Innovationsmotor für die europäische Elektromobilität macht.
AVL List: Steirischer Technologieriese im Transformationsprozess
Die AVL List GmbH mit Hauptsitz in der Kleiststraße in Graz ist eines der weltweit größten unabhängigen Unternehmen für Entwicklung, Simulation und Testen von Antriebssystemen. Mit über 12.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit – davon rund 4.100 in Graz – erwirtschaftete das 1948 gegründete Unternehmen im Jahr 2024 einen Umsatz von 2,03 Milliarden Euro. Der Exportanteil liegt bei beeindruckenden 97 Prozent.
Unter der Führung von CEO Helmut List, Sohn des Firmengründers Hans List, hat sich AVL in den vergangenen Jahren konsequent auf die Transformation zur E-Mobilität ausgerichtet. Elf Prozent des Jahresumsatzes fließen in Forschung und Entwicklung – das Ergebnis sind mehr als 2.300 aktive Patente. Das Unternehmen betreibt weltweit über 45 Gesellschaften und 50 Tech- und Engineering-Center.
Die Transformation verläuft nicht ohne Schmerzen: Im Februar 2024 kündigte AVL den Abbau von 200 Arbeitsplätzen am Standort Graz an – 70 Kündigungen und 130 nicht nachbesetzte Stellen. Die hohen Personal- und Energiekosten sowie der Druck der schwächelnden deutschen Automobilindustrie wurden als Gründe genannt. Gleichzeitig investiert das Unternehmen weiter massiv in Zukunftstechnologien: 1,3 Milliarden Euro flossen in den vergangenen fünf Jahren in den Transformationsprozess, weitere 700 Millionen Euro sind bis 2026 geplant.
| Kennzahl | AVL List 2024 |
|---|---|
| Mitarbeiter weltweit | 12.200 |
| Mitarbeiter Graz | 4.100 |
| Umsatz | 2,03 Mrd. € |
| F&E-Anteil | 11% des Umsatzes |
| Patente | 2.300+ |
| Exportanteil | 97% |
Das Battery Innovation Center: Europas Labor für Batteriefertigung
Das Battery Innovation Center (BIC) wurde im September 2021 nach zweijähriger Bauzeit am AVL-Stammsitz in Graz in Betrieb genommen. Die rund 1.600 Quadratmeter große Einrichtung ist eine für Kunden offene Plattform, um die Innovation von Produktionsprozessen sowie die Weiterentwicklung von Batterien und Integrationskonzepten voranzutreiben.
„Die Technologien für kundentaugliche und kosteneffiziente Hochvoltbatterien für Elektrofahrzeuge sind schon sehr fortgeschritten. Demgegenüber gibt es beim Thema der Produktion noch sehr viel Potenzial“, erklärte CEO Helmut List bei der Eröffnung. „Hier setzen wir mit unserem Battery Innovation Center an.“ Die Optimierung der Produktionsverfahren sei ein Schlüsselfaktor auf dem Weg zur E-Mobilität.
Das Besondere am BIC: Es verbindet funktionale Batterieentwicklung eng mit der Expertise von Produktionsplanern und dem Input von Teile- sowie Maschinenherstellern. Dadurch können Batterien bereits in der Entwicklungsphase so gestaltet werden, dass sie später effizient und kostengünstig in Serie produziert werden können. AVL ist damit in der Lage, die Industrialisierung von Batterien in einem bisher nicht gekannten Maß mit der Produktentwicklung zu parallelisieren.
Technologische Ausstattung auf Weltklasse-Niveau
An den teil- und vollautomatisierten Stationen des BIC können alle gängigen Kernprozesse der Modul- und Packfertigung dargestellt werden – unabhängig von Zelltyp, Zielspannung und Integrationslevel. Industrieroboter führen die einzelnen Produktionsschritte wie Stapeln, Laserschweißen, Modulmontage, Kleben, Elektrik-Montage und Pack-Montage mit Geschwindigkeiten aus, die einer Großserienproduktion von 10.000 Stück pro Jahr entsprechen.
In der Pilotlinie lässt sich der konzipierte Produktionsprozess unter echten Bedingungen bis ins Detail erproben. Sämtliche aktuell am Markt erhältlichen Zelltypen mit Abmessungen bis hin zu Cell-to-Pack-Dimensionen können industriell verarbeitet werden. Das BIC produziert Batterien vom einzelnen A-Muster bis hin zu Baulosen von mehreren hundert Stück – mit vollständiger Überwachung definierter Qualitätsmerkmale.
Besonders innovativ: Mittels eingebauter Messgeräte wird die beim Produktionsprozess aufgewendete Energie identifiziert, dem Produkt zugewiesen und in einem digitalen Batteriepass dokumentiert. Dies hilft, den CO2-Fußabdruck frühzeitig zu ermitteln und die Batterie nach ihrem Einsatz im Fahrzeug für Second-Life-Anwendungen und Recycling nutzbar zu machen.
Forschungskooperationen und regionale Partnerschaften
Das Battery Innovation Center ist keine isolierte Einrichtung, sondern Teil eines dichten Netzwerks aus Forschungspartnern und Industrieunternehmen. Bereits bei der Eröffnung waren mehr als zehn Studienarbeiten mit regionalen Hochschulpartnern gestartet: der Technischen Universität Graz, Virtual Vehicle, der Montanuniversität Leoben und Pro2Future.
Die Zusammenarbeit mit dem regionalen Autobatterie-Cluster wird durch das Innovationszentrum gestärkt. Zu den wichtigsten Partnern zählen Rosendahl Nextrom, ein Spezialist für Produktionslösungen im Batteriebau, und Varta Micro Innovation, der Grazer Forschungs- und Innovationshub der Varta AG. Diese Partnerschaft macht die Steiermark zu einem Hotspot der europäischen Batterieforschung.
Das Projekt wird durch die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und das europäische Innovationsprogramm Important Projects of Common European Interest (IPCEI) unterstützt. Im Rahmen des zweiten EU-Batteriegroßprojekts IPCEI arbeitet AVL an einer Qualitätsverbesserung in der Modul- und Packproduktion und entwickelt energie- und qualitätseffizientere Modul-Produktionsprozesse.
Schnellere Ladezeiten als Forschungsschwerpunkt
Bei den Battery Innovation Days 2025 präsentierte Paul Schiffbänker, AVL-Batterieforschungsleiter, beeindruckende Fortschritte bei den Ladezeiten: „Heute laden wir in weniger als fünf Minuten 300 bis 400 Kilometer Reichweite. Das kommt dem klassischen Tankvorgang immer näher.“ Die 800-Volt-Technologie in modernen Elektrofahrzeugen macht diese Schnellladung möglich.
Doch Schiffbänker betonte auch die verbleibenden Herausforderungen: „Wir sind nicht am Ende. Die Reichweite bricht im Winter ein, die Materialien haben Grenzen, hier liegt enormes Innovationspotenzial.“ Besonders im Fokus der Forschung stehen Feststoffbatterien, die mehr Energie auf kleinerem Raum speichern können. Noch fehlen zwar Produktionskapazitäten, doch viele Experten sehen darin den nächsten großen Technologiesprung.
Auch an der TU Graz wird intensiv an der nächsten Batteriegeneration geforscht: Ein Christian-Doppler-Labor mit AVL als Partner arbeitet speziell an der Reduktion von Grenzflächenwiderständen innerhalb der Feststoffbatterie. „An den Grenzflächen bilden sich hohe Widerstände aus, die einen schnellen Ionentransport zwischen den Elektroden verhindern“, erklärt Daniel Rettenwander vom Institut für Chemische Technologien von Materialien der TU Graz.
Neue Zelltechnologien und Nachhaltigkeitsthemen
Der Trend in der Batterietechnologie geht aktuell in Richtung Lithium-Eisen-Phosphat (LFP)-Zellen, die wesentlich günstiger sind als die bekannten NMC-Zellen (Nickel, Mangan, Kobalt). Gleichzeitig kommen vermehrt Natrium-Ionen-Zellen in großen Mengen auf den Markt – eine Alternative, die kritische Rohstoffe vermeidet und die Abhängigkeit von Kobalt reduziert.
Im Battery Innovation Center wird der ökologische Fußabdruck von Batterien systematisch reduziert: Durch die gezielte Auswahl von Chemikalien, Materialien und Klebstoffen. Alle Maschinen liefern Daten an ein Informationssystem, zudem wird die Abluft auf Schadstoffe überwacht. So kann das Nachhaltigkeitspotenzial neuer Designs direkt angegeben werden – ein wichtiger Faktor für die künftige EU-Batterieregulierung.
| Zelltechnologie | Vorteile | Anwendung |
|---|---|---|
| NMC (Nickel-Mangan-Kobalt) | Hohe Energiedichte | Premium-E-Fahrzeuge |
| LFP (Lithium-Eisen-Phosphat) | Günstiger, sicherer | Volumenmodelle |
| Natrium-Ionen | Keine kritischen Rohstoffe | Einsteigerfahrzeuge |
| Feststoffbatterie | Höchste Energiedichte | Zukunftstechnologie |
Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Steiermark
Bei der Eröffnung des Battery Innovation Centers betonte Wirtschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl (ÖVP), sie sei „dankbar und glücklich“, dass AVL das Innovationszentrum in Graz positioniert hat. Der Automobilsektor sei einer der wichtigsten Sektoren in der Steiermark, und das BIC stärke den Ruf der Region als innovative Region zusätzlich.
Mehr als 110 neue Arbeitsplätze wurden durch das Battery Innovation Center geschaffen, davon mehr als die Hälfte in der Steiermark. AVL erwartete innerhalb von drei Jahren eine Umsatzsteigerung von 60 Prozent bei der Batterieentwicklung am Standort Graz – eine Prognose, die angesichts der wachsenden Nachfrage nach E-Mobilitätslösungen realistisch erscheint.
Für SFG-Chef Christoph Ludwig war der Kongress Battery Innovation Days 2025 ein Meilenstein: „Graz ist in diesen Tagen Europas Hauptstadt der Batterietechnologie.“ Er ist überzeugt, dass aus den Gesprächen neue Partnerschaften entstehen – „vielleicht sogar Joint Ventures oder große Projekte in Graz“. Erste Verhandlungen seien bereits vielversprechend verlaufen.
Weitere Zukunftsinvestitionen am Standort
Das Battery Innovation Center ist nur ein Teil der massiven Investitionen von AVL in Zukunftstechnologien. 2022 eröffnete das Unternehmen das Hydrogen and Fuel Cell Test Center am Grazer Stammsitz – mit einer Maximalkapazität von bis zu 20 Hochleistungsprüfständen und einer Gesamtkapazität von bis zu 2 Megawatt eines der weltweit größten und fortschrittlichsten Testfelder für Brennstoffzellen- und Elektrolysesysteme.
Die AVL List GmbH ist damit gut positioniert, um von der Transformation der Automobilindustrie zu profitieren. Während andere steirische Zulieferer kämpfen, investiert das Unternehmen konsequent in die Technologien von morgen. Die Kombination aus Batterieentwicklung, Wasserstoff-Know-how und traditioneller Antriebskompetenz macht AVL zum idealen Partner für Automobilhersteller, die den Übergang zur Elektromobilität gestalten müssen.
Für die steirische Wirtschaft ist das Battery Innovation Center ein wichtiges Signal: Die Region bleibt auch in der Ära der Elektromobilität ein Zentrum der Antriebsentwicklung. Mit AVL, der TU Graz und einem dichten Netzwerk von Zulieferern und Forschungspartnern hat die Steiermark alle Voraussetzungen, um bei der nächsten Batteriegeneration an vorderster Front mitzuspielen.