Mit 3,6 Millionen Euro FFG-Förderung und einer komplett europäischen Lieferkette will das Grazer Startup Kite Rise Technologies den Heimspeichermarkt revolutionieren. Der Guardian Angel ist der weltweit erste serienreife Natrium-Ionen-Heimspeicher mit NVPF-Technologie – und soll 2026 in die Serienproduktion gehen.
Die Idee: Ein besseres Batteriesystem
Die Geschichte von Kite Rise begann mit einem Gedankenexperiment: Was würdest du mit einer Million Euro machen? Die Antwort der Gründer war klar – ein besseres Batteriesystem entwickeln. Ein System, das sicherer ist, nachhaltiger und das Lithium den Rang abläuft.
Drei der vier Gründer bringen über 15 Jahre Erfahrung aus der Automobilbranche mit. Sie entwickelten Batteriesysteme für Mercedes, Audi, Volvo, Jaguar und Porsche. Dieses Know-how fließt nun in den Guardian Angel.
Natrium statt Lithium – die Technologie dahinter
Während herkömmliche Heimspeicher auf Lithium-Ionen setzen, verwendet Kite Rise polyanionische NVPF-Zellen (Natrium-Vanadium-Phosphat mit Fluor) des französischen Herstellers Tiamat. Diese Technologie bietet entscheidende Vorteile:
| Kriterium | Natrium-Ionen (NVPF) | Lithium-Ionen (LFP) |
|---|---|---|
| Brandgefahr | Keine | Gering, aber vorhanden |
| Giftige Gase bei Defekt | Keine | Möglich |
| Kritische Rohstoffe | Keine (kein Kobalt, Nickel) | Teilweise |
| Ladezyklen | 10.000+ | ca. 5.000 |
| Temperaturbereich | bis -20°C | eingeschränkt bei Kälte |
CEO Harald Autischer bringt es auf den Punkt: „Faktisch ist das der physikalisch beste Speicher, den es gerade gibt.“
Guardian Angel – das Produkt
Der Guardian Angel ist ein vollintegriertes All-in-One-System. Er vereint Batteriespeicher, Wechselrichter und Energiemanagement in einem Gerät. Die Kapazität von 15 kWh reicht für einen durchschnittlichen Haushalt problemlos aus.
Besonders ist der Designanspruch: Während klassische Heimspeicher in Garagen oder Kellern verschwinden, soll der Guardian Angel als „Stilelement“ im Wohnraum stehen. In der Variante „Styrian Oak“ mit Holzoptik könnte man ihn mit einem Möbelstück verwechseln.
Die technischen Eckdaten im Überblick:
- Kapazität: 15 kWh (skalierbar von 6 bis 32 kWh)
- Lade-/Entladeleistung: 10 kW
- Lebensdauer: 10.000 Vollladezyklen (ca. 10 Jahre)
- Wechselrichter: SMA (deutsche Qualität)
- Preis: 19.500 Euro inkl. Service-Paket
Europäische Lieferkette als Alleinstellungsmerkmal
In Zeiten geopolitischer Unsicherheiten setzt Kite Rise auf eine 100% europäische Wertschöpfungskette. Die Zellen kommen aus Frankreich (Tiamat), die Chemie aus Belgien, die Entwicklung und Fertigung erfolgt in Graz. Das unterscheidet das Grazer Startup fundamental von chinesischen Anbietern.
Der Preis liegt etwa dreimal so hoch wie bei vergleichbaren Lithium-Speichern aus Asien. Dafür verspricht Kite Rise höhere Qualität, längere Lebensdauer und maximale Sicherheit – plus direkten Service vom Hersteller.
Finanzierung und Förderungen
Das Startup hat bisher 3,6 Millionen Euro aus dem FFG-Basisprogramm erhalten. Zusätzlich gewann Kite Rise den IÖB-Innovationscall „Innovationen für klimaneutrale Städte und Gemeinden“.
Für die Serienüberführung startete das Unternehmen im April 2025 eine Crowdinvesting-Kampagne auf der Plattform ROCKETS. Early-Bird-Investoren erhalten 9,5% Zinsen pro Jahr. Das Ziel: Die Serienproduktion unabhängig von Großinvestoren durch eine Vielzahl engagierter Kleinanleger zu finanzieren.
Das Team und der Standort
Kite Rise ging 2021 aus einem Forschungsprojekt hervor. Das Team wuchs von anfangs vier auf mittlerweile acht Personen – bis Ende 2025 sollen es elf werden. Der Sitz in der Kärntnerstraße 355B in Graz liegt strategisch günstig im steirischen Green Tech Valley.
Das Unternehmen versteht sich nicht nur als Produktentwickler, sondern als Kompetenzzentrum für Natrium-Ionen-Technologie. Im Projekt Helios forscht Kite Rise gemeinsam mit der Universität Innsbruck an der Zellchemie.
Ausblick: Serienstart 2026
Die erste Produktionsserie startet Anfang 2026 – limitiert auf 200 Stück. Die Auslieferung beginnt voraussichtlich im Frühjahr 2026. Der Wirtschaftsstandort Graz bekommt damit einen weiteren innovativen Player im Bereich der Energiewende.
CEO Autischer gibt sich optimistisch: „Wir benötigen nur 0,012 Prozent vom europäischen Heimspeichermarkt.“ Angesichts des wachsenden Interesses an nachhaltigen Energiespeicherlösungen scheint dieses Ziel erreichbar.