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Magna Steyr Graz – Wie chinesische E-Autos die steirische Autoindustrie retten

Mit der Fertigung von Elektrofahrzeugen für die chinesischen Hersteller Xpeng und GAC hat sich Magna Steyr in Graz-Liebenau zum wichtigsten europäischen Produktionsstandort für chinesische E-Autos entwickelt. Seit September 2025 laufen die SUV-Modelle G6 und G9 von Xpeng vom Band, im November folgte der Aion V von GAC. Für den steirischen Auftragsfertiger bedeuten diese Deals einen dringend benötigten Hoffnungsschimmer nach einem turbulenten Jahr 2024.

Vom Krisenjahr zum Comeback: Die Wende bei Magna Steyr

Das Jahr 2024 war für Magna Steyr eines der schwierigsten in der Unternehmensgeschichte. Die Insolvenz des US-Elektroauto-Startups Fisker riss ein Riesenloch in die Produktionsplanung. Ursprünglich sollten jährlich bis zu 23.000 Fisker Ocean-SUVs in Graz gefertigt werden – tatsächlich waren es nur rund 10.000, bevor das Unternehmen Insolvenz anmeldete. Hinzu kam das vorzeitige Ende des Ineos Fusilier-Projekts: Der elektrische Geländewagen des britischen Chemiemilliardärs James Ratcliffe hätte ab 2027 mit einem Volumen von 30.000 Stück pro Jahr vom Band laufen sollen.

Die Folgen waren gravierend: Der Umsatz sank 2024 um 44 Millionen Euro auf 4,66 Milliarden Euro. Der Betriebsverlust betrug 11,7 Millionen Euro – nach einem Gewinn von 35,8 Millionen Euro im Vorjahr. Der Personalstand reduzierte sich von 7.781 auf 6.976 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Sozialplan wurde umgesetzt. Zum Vergleich: 2018 beschäftigte Magna am Standort Graz noch rund 11.000 Menschen.

Kennzahl 2023 2024 Veränderung
Umsatz 4,70 Mrd. € 4,66 Mrd. € -44 Mio. €
Betriebsergebnis +35,8 Mio. € -11,7 Mio. € -47,5 Mio. €
Mitarbeiter 7.781 6.976 -805
Fahrzeugproduktion 105.000 72.000 -31%

EU-Strafzölle als Türöffner für chinesische Partner

Was zunächst als Bedrohung für die europäische Automobilindustrie erschien, erwies sich für Magna Steyr als unverhoffte Chance: Die EU-Strafzölle auf chinesische Elektroautos, die Ende Oktober 2024 in Kraft traten, zwingen chinesische Hersteller zur Lokalisierung ihrer Produktion. Die Zusatzzölle von bis zu 35,3 Prozent – zusätzlich zum bestehenden Importzoll von 10 Prozent – machen den direkten Export aus China nach Europa wirtschaftlich unattraktiv.

Die Zölle wurden von der EU-Kommission nach einer Untersuchung eingeführt, die massive staatliche Subventionen für chinesische E-Auto-Hersteller feststellte. Laut EU-Kommission werden chinesische Elektrofahrzeuge durch zinsgünstige Kredite, niedrige Steuersätze und günstige Grundstücke um rund 20 Prozent günstiger angeboten als in der EU produzierte Modelle. Deutschland stimmte zwar gegen die Zölle, wurde aber überstimmt.

Für chinesische Hersteller wie Xpeng und GAC bietet die Auftragsfertigung in Graz eine elegante Lösung: Die in Österreich montierten Fahrzeuge gelten als europäische Produktion und unterliegen nicht den Strafzöllen. Magna Steyr profitiert von seinem ausgezeichneten Ruf in China. Die Konzernmutter Magna International ist mit über 55 Produktionsstätten und 13 Entwicklungszentren stark im Reich der Mitte vertreten.

Xpeng: Der erste chinesische OEM in Europa

Im September 2025 startete Xpeng als erster chinesischer Automobilhersteller die Produktion bei Magna Steyr in Graz. Die elektrischen SUV-Modelle G6 und G9 werden im sogenannten SKD-Verfahren (Semi-Knocked-Down) gefertigt: Vorgefertigte Baugruppen werden aus China angeliefert und in Graz endmontiert.

„Wir freuen uns sehr über die Zusammenarbeit mit Xpeng – ein bedeutender Meilenstein, denn es ist unser erster chinesischer OEM-Partner hier in Europa“, sagte Roland Prettner, President Magna Complete Vehicles. Diese Partnerschaft unterstreiche das Engagement für Innovation und Flexibilität, um den sich wandelnden Anforderungen der Automobilindustrie gerecht zu werden.

Xpeng-Vizepräsident Brian Gu ordnete die Kooperation als strategische Weichenstellung ein: „Unsere Partnerschaft mit Magna passt perfekt zu unserer Vision und Strategie, unsere europäischen Kapazitäten zu stärken. Sie ist ein erster Schritt für unser Wachstum in Europa, da wir uns langfristig in Europa engagieren.“

Der Xpeng G6 ist ein rund 4,75 Meter langes Elektro-SUV mit bis zu 570 Kilometern Reichweite. Der größere G9 positioniert sich im Premiumsegment und konkurriert mit Modellen wie dem BMW iX oder dem Mercedes EQE SUV. Xpeng hat zudem ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in München eröffnet, um die technische Zusammenarbeit und Produktanpassung an europäische Märkte zu unterstützen.

GAC: Der dritte chinesische Auftrag für Graz

Nur zwei Monate nach dem Xpeng-Start folgte der nächste Großauftrag: Bei der chinesischen Automobilmesse in Guangzhou im November 2025 verkündete GAC (Guangzhou Automobile Group) die Fertigung des Aion V bei Magna Steyr. GAC ist mit rund 100.000 Mitarbeitern einer der größten Hersteller in der chinesischen Autoindustrie und der drittgrößte Automobilbauer des Landes.

„Wir sind sehr froh und sehr stolz darauf, dass GAC uns als Partner ausgewählt hat“, sagte Magna-Marketing-Vizepräsident Kurt Bachmaier. „Für uns bedeutet das einen ersten wichtigen Schritt mit einem neuen Partner in Europa, um hier zukünftig auch nachhaltig wachsen zu können.“

Der Aion V ist ein kompaktes Elektro-SUV mit rund 4,60 Metern Länge, einem 75 kWh großen LFP-Akku und einer WLTP-Reichweite von über 500 Kilometern. Besondere Extras wie ein integrierter Kühlschrank und eine ausgefeilte Sprachsteuerung sollen europäische Käufer ansprechen. Das Fahrzeug wird bereits in Finnland, Polen und Portugal angeboten. GAC plant die Expansion in weitere europäische Märkte durch neue Partnerschaften sowie den Aufbau von Service- und Vertriebsnetzen.

Die ambitionierten Ziele von GAC sind beachtlich: Bis 2028 soll eine vollständige Modellpalette in Europa verfügbar sein, ab 2030 will der Konzern jährlich 500.000 Fahrzeuge auf dem europäischen Markt verkaufen. Ein weiteres Modell, der ID.3-Konkurrent Aion UT, könnte ebenfalls bald in Graz montiert werden.

Mercedes G-Klasse: Das Rückgrat der Produktion

Während die chinesischen Partner für frischen Wind sorgen, bleibt die Mercedes-Benz G-Klasse das stabilste Standbein von Magna Steyr. Im August 2025 rollte das 600.000. Exemplar des legendären Geländewagens vom Band – ein vollelektrischer G 580 EQ in „Obsidianschwarz Metallic“. Seit 1979 wird der kantige Offroader in Graz gefertigt, die Partnerschaft zwischen Daimler-Benz und dem damaligen Steyr-Daimler-Puch-Konzern reicht bis ins Jahr 1972 zurück.

Die gute Nachricht für den Standort: Mercedes-Benz hat den Produktionsauftrag für die G-Klasse bis mindestens 2034 verlängert. Diese Entscheidung sichert stabile Auslastung, hohe Planungssicherheit und den Erhalt hunderter Arbeitsplätze. Auch die regionale Zulieferindustrie profitiert, da viele Unternehmen seit Jahrzehnten eng in den Produktionsprozess eingebunden sind.

Mit der elektrischen G-Klasse (G 580 mit EQ Technology), die 2024 eingeführt wurde, unterstreicht Mercedes die Zukunftsfähigkeit der Baureihe. Im ersten Jahr wurden rund 1.450 elektrische G-Klassen verkauft – im Vergleich zu 9.000 Einheiten mit Verbrennungsmotor noch eine Nische, aber ein klares Signal für die Elektrifizierungsstrategie.

Auslaufende Aufträge und neue Perspektiven

Trotz der positiven Entwicklungen stehen Herausforderungen bevor: Im Frühjahr 2026 laufen die Produktionsverträge für den BMW Z4 und den baugleichen Toyota Supra aus. Beide Modelle wurden seit 2019 bei Magna in Graz gefertigt. Ihr Wegfall muss durch neue Aufträge kompensiert werden.

Doch die Perspektiven sind vielversprechend: Neben den laufenden Xpeng- und GAC-Aufträgen sind weitere Kooperationen im Gespräch. Verhandlungen mit anderen chinesischen Herstellern wie Chery, Geely und BYD laufen. Auch eine mögliche Zusammenarbeit mit dem britischen Sportwagenhersteller McLaren wurde kolportiert.

Das Produktionsportfolio von Magna Steyr ist beeindruckend: Über 4 Millionen Fahrzeuge wurden bisher in Graz gefertigt, insgesamt 37 verschiedene Modelle für 13 verschiedene OEMs. Das Werk ist das einzige weltweit, das konventionelle Antriebe, Plug-in-Hybride und reine Elektrofahrzeuge auf derselben Produktionslinie fertigen kann.

Hersteller Modell Antrieb Status
Mercedes-Benz G-Klasse / G 580 EQ Verbrenner / Elektro Produktion bis 2034+
Xpeng G6, G9 Elektro In Produktion seit Q3/2025
GAC Aion V Elektro In Produktion seit Q4/2025
BMW Z4 Verbrenner Auslaufend Q1/2026
Toyota Supra Verbrenner Auslaufend Q1/2026

Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Steiermark

Die neuen chinesischen Aufträge sind ein wichtiges Signal für den gesamten steirischen Automobilcluster. Während andere Zulieferer – wie etwa AVL List, der größte private Arbeitgeber der Steiermark – Stellen abbauen, zeigt Magna Steyr, dass auch in schwierigen Zeiten neue Chancen entstehen können.

Die Steiermark ist traditionell ein Zentrum der österreichischen Automobilindustrie. Mit Magna Steyr, AVL List und zahlreichen Zulieferern bildet der Großraum Graz einen der bedeutendsten Automotive-Cluster Europas. Die Transformation zur Elektromobilität stellt diese Region vor große Herausforderungen – bietet aber auch neue Möglichkeiten.

Magna Steyrs Fähigkeit, verschiedene Antriebstechnologien flexibel auf derselben Produktionslinie zu fertigen, erweist sich als entscheidender Wettbewerbsvorteil. „Wir sind eher im Premiumsegment tätig“, erklärt Magna-Steyr-Vertriebsvorstand Hubert Hödl. „Das ist nicht ganz so anfällig.“ Die über 125-jährige Erfahrung in der Fahrzeugentwicklung und -fertigung macht Magna zu einem bevorzugten Partner für traditionelle OEMs und neue Player gleichermaßen.

Ausblick: Graz als Brücke zwischen China und Europa

Die Entwicklung bei Magna Steyr spiegelt einen größeren Trend wider: Chinesische Automobilhersteller suchen verstärkt nach europäischen Produktionsstandorten, um die EU-Strafzölle zu umgehen und näher an den Endkunden zu sein. Für Graz bedeutet dies eine neue Rolle als Brückenkopf zwischen chinesischer Elektromobilitäts-Kompetenz und dem europäischen Markt.

Die Fertigung im SKD-Verfahren wirft allerdings Fragen zur tatsächlichen Wertschöpfung auf. Kritiker bemängeln, dass bei der Endmontage vorgefertigter Baugruppen weniger Know-how und Arbeitsplätze in Europa verbleiben als bei einer vollständigen Fertigung. Befürworter hingegen argumentieren, dass jeder Produktionsauftrag besser sei als gar keiner – und dass sich aus anfänglichen SKD-Fertigungen oft tiefere Kooperationen entwickeln.

Für Magna Steyr steht fest: Nach dem schwierigen Jahr 2024 ist der Turnaround eingeleitet. Die Kombination aus dem stabilen G-Klasse-Geschäft und den neuen chinesischen Aufträgen schafft eine solide Basis für die Zukunft. Mit über 125 Jahren Erfahrung in der Fahrzeugfertigung und der einzigartigen Flexibilität des Grazer Werks ist das Unternehmen gut positioniert, um auch in der sich wandelnden Automobilindustrie eine führende Rolle zu spielen.

Quellen