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Reininghaus Graz – Europas größtes innerstädtisches Stadtentwicklungsprojekt

Auf 54 Hektar entsteht zwischen Gries, Wetzelsdorf und Eggenberg ein komplett neuer Stadtteil für bis zu 12.000 Menschen. Die Reininghausgründe sind das größte innerstädtische Stadtentwicklungsgebiet Österreichs und eines der ambitioniertesten Projekte Europas. 17 Bauträger arbeiten gemeinsam mit der Stadt Graz an der Verwirklichung dieser Vision. Im Frühjahr 2025 leben und arbeiten bereits 4.000 Menschen vor Ort – und das ist erst der Anfang.

Geschichte eines historischen Geländes

Das Areal hat eine bewegte Geschichte. Die Reininghausbrauerei prägte das Gelände über mehr als ein Jahrhundert. 2005 erwarb die Asset One Immobilienentwicklungs AG die nicht betriebsnotwendigen Liegenschaften der Brau Union, um das Areal in enger Abstimmung mit der Stadt zu entwickeln. Nach finanziellen Schwierigkeiten während der Wirtschaftskrise 2009 wurden die Flächen an verschiedene gemeinnützige und private Bauträger verkauft.

2012 erfolgte der entscheidende Schritt: Das 4.0 Stadtentwicklungskonzept der Landeshauptstadt Graz legte die Entwicklungsvorgaben für die Reininghausgründe fest. 2013 wurden zahlreiche Flächen ins öffentliche Gut übertragen – als Grünflächen, Parks und öffentliche Infrastruktur. Die Tennenmälzerei, ein denkmalgeschütztes Gebäude aus der Brauereizeit, wurde zum kulturellen Herzen des neuen Stadtteils umfunktioniert.

Einzigartiger Zusammenschluss der Bauträger

Was die Reininghausgründe von vergleichbaren Projekten unterscheidet, ist die Organisationsstruktur. Insgesamt 17 Bauträger stehen gemeinsam mit der Stadt Graz hinter der Entwicklung. Sie haben sich im sogenannten Eigentümerboard Reininghaus zusammengeschlossen und ihre gemeinsamen Ziele in einer Charta festgehalten.

Im Juni 2023 gründeten die Bauträger den Förderverein Stadtteil Graz Reininghaus. Der Verein versteht sich als Impulsgeber für das soziale, kulturelle und gemeinschaftliche Leben im neu entstehenden Stadtteil. Mittlerweile zählen neben Bauträgern auch Unternehmen wie der ÖAMTC, SPAR, soziale Einrichtungen wie LebensGroß sowie Kulturinstitutionen wie die Steirische Kulturinitiative zu den Mitgliedern.

Bauträger Schwerpunkt Quartiere
ÖWG Wohnbau Gemeinnütziger Wohnbau Q6, Q6a Süd, Q6a Nord
ÖSW Wohnbauträger Freifinanzierter Wohnbau Q6, Q15
GA Immo Zentrumsprojekt Q2 Reininghaus-Mitte
BE-WO Wohnbau Mietwohnungen Wohnturm UNESCO-Esplanade
BIG (Bundesimmobiliengesellschaft) Bildungsbauten Q12 (Volksschule, Höhere Schule)
ENW Gemeinnütziger Wohnbau Diverse Quartiere

20 Quartiere für 12.000 Menschen

Das Areal ist in 20 Quartiere (Baufelder) unterteilt. Jedes Quartier hat eigene Charakteristiken und Nutzungsschwerpunkte. Das Konzept basiert auf einem Mix aus Wohnen, Nahversorgung, Gewerbe und Freizeitaktivitäten. Derzeit sind rund 30 Prozent der Flächen realisiert, etwa 4.000 Menschen leben bereits dort. Geplant sind bis zu 12.000 Bewohner und 7.000 Beschäftigte.

Im Quartier 6a Süd der ÖWG Wohnbau wurden bereits 340 Wohnungen fertiggestellt – alle sind vermarktet. Das Quartier 6 Süd mit 502 Wohnungen steht kurz vor der Fertigstellung. Im Quartier 6a Nord begann im Frühjahr 2025 der Bau von 146 weiteren Wohneinheiten. Die Wirtschaft in Graz profitiert erheblich von diesem Großprojekt.

Der Green Tower als Landmark

Neben der denkmalgeschützten Tennenmälzerei ist der Green Tower das architektonische Wahrzeichen des neuen Stadtteils. Die grüne Fassade erstreckt sich über alle 138 frei finanzierten Wohnungen. Tausende Pflanzen sorgen für ein besonderes Mikroklima und verbessern die Luftqualität in der Umgebung.

Das erste Gebäude mit 155 Wohnungen und Büroflächen – Reininghaus Zehn – wurde bereits 2019 finalisiert. Es trägt das Österreichische Umweltzeichen und ist klimaaktiv zertifiziert. Diese nachhaltigen Standards setzen sich in allen Neubauten fort und machen Reininghaus zu einem Vorzeigeprojekt für klimafreundliche Stadtentwicklung.

Nachhaltige Infrastruktur und Mobilität

Die Verkehrsanbindung des Stadtteils wurde von Anfang an mitgeplant. Im November 2021 ging die Straßenbahnlinie 4 bis in die Reininghausgründe in Betrieb. Die Endhaltestelle liegt unmittelbar neben dem Geriatrischen Gesundheitszentrum Peter Rosegger. Weitere Haltestellen sind entlang der UNESCO-Esplanade geplant und werden teilweise mit tim Mobilitätsknoten der Holding Graz kombiniert.

Die Energieversorgung erfolgt nachhaltig über ein Niedertemperatur-Fernwärmenetz, das Abwärme aus dem Stahlwerk Marienhütte nutzt. Dieses innovative Konzept reduziert den CO2-Ausstoß erheblich und macht den Stadtteil weitgehend unabhängig von fossilen Brennstoffen. Die größten Unternehmen der Steiermark beobachten dieses Modell mit großem Interesse.

Soziale Infrastruktur: Schulen und Kindergärten

Neben Wohnungen und Büros entstanden in den letzten Jahren wichtige Bildungseinrichtungen. Im Quartier 12 errichtet die BIG im Auftrag der Stadt Graz eine Volksschule mit bis zu 20 Klassen sowie eine Höhere Schule für bis zu 36 Klassen. Zwei Primärversorgungszentren stellen die medizinische Grundversorgung der Bewohner sicher.

Die soziale Durchmischung ist ein erklärtes Ziel der Stadtentwicklung. Geförderte Mietwohnungen, freifinanzierte Eigentumswohnungen und Gewerbeeinheiten entstehen in direkter Nachbarschaft. Studentenheime und Seniorenwohnungen ergänzen das Angebot. Der Stadtteil soll für alle Altersgruppen und Einkommensschichten attraktiv sein.

Kultur als Identitätsstifter

Neben der Infrastruktur investiert der Förderverein gezielt in das soziale und kulturelle Miteinander – die sogenannte Software des Stadtteils. In Kooperation mit der Steirischen Kulturinitiative entstanden zahlreiche Projekte. Das Community-Kunstwerk Gina liebt! an der Fassade der Tennenmälzerei ist weithin sichtbar. Die Street Cinema Tour im Rahmen der Diagonale führt regelmäßig durch den Stadtteil.

Für sein Engagement erhielt der Verein im März 2024 den Maecenas-Sonderpreis für Innovative Stadtentwicklung mit Kunst und Kultur. Die Jury lobte die Zusammenarbeit von Bauträgern, Wirtschaft und Kultur als einzigartiges Beispiel dafür, wie Kunst und Kultur Stadt erfinden können. In Reininghaus zeigen die Beteiligten, dass Stadtentwicklung weit mehr ist als Ziegel, Mörtel und Quadratmeter.

Kennzahl Wert
Gesamtfläche 54 Hektar (73 Fußballfelder)
Anzahl Quartiere 20
Geplante Bewohner bis zu 12.000
Geplante Beschäftigte bis zu 7.000
Aktuelle Bewohner (2025) ca. 4.000
Realisierungsgrad ca. 30%
Beteiligte Bauträger 17
Fertigstellung geplant 2030

Die wichtigsten Bauträger im Überblick

Die ÖWG Wohnbau ist der größte gemeinnützige Wohnbauträger der Steiermark und einer der aktivsten Akteure in Reininghaus. Mit über 200 Mitarbeitern, einem jährlichen Neubau- und Sanierungsvolumen von rund 135 Millionen Euro sowie über 33.000 verwalteten Wohneinheiten zählt die ÖWG zu den größten gemeinnützigen Bauträgern Österreichs. Allein drei Quartiere werden von der ÖWG gestaltet – das entspricht rund 1.000 Wohnungen.

Die ÖSW Wohnbauträger GmbH, eine Tochtergesellschaft der Österreichisches Siedlungswerk Gemeinnützige Wohnungsaktiengesellschaft, konzentriert sich auf freifinanzierten Wohnbau. Die ÖSW-Gruppe umfasst 27 Tochtergesellschaften und verwaltet rund 56.000 Einheiten österreichweit – damit ist sie der größte gemeinnützige Wohnbaukonzern Österreichs.

Die GA Immo wurde eigens für die Entwicklung des Zentrumsprojekts Q2 Reininghaus-Mitte gegründet. Hier entsteht das kommerzielle Herz des Stadtteils mit Büroflächen, Handel und Gastronomie. Die BE-WO Wohnbau hat einen 208 Wohnungen umfassenden Wohnturm an der UNESCO-Esplanade realisiert – ein Projekt, das auch internationale Investoren wie die deutsche ZBI-Gruppe angezogen hat. Das Engagement der ZBI markierte den ersten Erwerb eines Neubauprojekts in Graz durch die Erlangen-basierte Immobiliengruppe.

Nahversorgung und Lebensqualität

Ein lebenswerter Stadtteil braucht mehr als nur Wohnungen. Die Nahversorgung in Reininghaus wird schrittweise ausgebaut. SPAR hat bereits eine Filiale eröffnet, weitere Geschäfte für den täglichen Bedarf folgen. Restaurants, Cafés und kleinere Dienstleister siedeln sich in den Erdgeschosszonen der Wohnbauten an. Das Konzept sieht kurze Wege vor – Arbeiten, Wohnen und Einkaufen sollen möglichst nah beieinander liegen.

Der große Reininghauspark bildet das grüne Herz des Stadtteils. Die öffentlichen Grünflächen wurden früh gesichert und bieten Erholungsraum für alle Bewohner. In unmittelbarer Nähe liegt das Naherholungsgebiet Plabutsch, das zu Wanderungen und Outdoor-Aktivitäten einlädt. Diese Kombination aus urbanem Leben und Naturnähe macht Reininghaus besonders attraktiv für Familien.

Ausblick: Fertigstellung bis 2030

Der Stadtteil wächst stetig und wird mit jedem Bewohner sowie jedem neuen Unternehmen, das sich hier ansiedelt, lebendiger. Die Stadt Graz unterstützt Unternehmen, die sich in Reininghaus ansiedeln wollen und nachhaltig, klimafreundlich oder innovativ wirtschaften, mit einer besonderen Förderung der Mietkosten in den ersten drei Jahren.

Bis 2030 soll der Stadtteil weitgehend fertiggestellt sein. Die Koordination zwischen den 17 Bauträgern, der Stadt und den verschiedenen Stakeholdern bleibt eine Herausforderung – aber auch ein Erfolgsmodell. Der einzigartige Zusammenschluss zeigt, dass komplexe Stadtentwicklungsprojekte nicht von einem einzelnen Investor abhängen müssen, sondern durch Kooperation und gemeinsame Ziele gelingen können.

Quellen