Im Dezember 2025 standen 1.249 steirische Jugendliche ohne Lehrstelle da. Das ist ein Plus von 58,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Stand seit 1996. Gleichzeitig sank die Zahl der von Betrieben gemeldeten offenen Lehrstellen 2025 auf 5.088 – 7,4 Prozent weniger als 2024 und 15,2 Prozent weniger als 2023. Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage hat sich auf dem steirischen Lehrstellenmarkt 2026 weiter geöffnet: minus 16 Prozent bei den Stellen, plus 27 Prozent bei den Suchenden. AMS-Landesgeschäftsführer Karl-Heinz Snobe warnt: „Wer heute nicht ausbildet, dem fehlen morgen die Fachkräfte.“
Die Zahlen im Detail
Das AMS Steiermark veröffentlichte im Jänner 2026 die Jahresbilanz. Sie zeichnet ein klares Bild: Während die Wirtschaft Lehrstellen reduziert, steigt das Angebot an Bewerberinnen und Bewerbern. Die wichtigsten Eckwerte:
| Indikator | 2025 | vs. 2024 | vs. 2023 |
|---|---|---|---|
| Offene Lehrstellen gemeldet | 5.088 | – 7,4 % | – 15,2 % |
| Lehrstellensuchende gemeldet | 8.477 | + 2,7 % | k. A. |
| Ohne Platz im Dezember | 1.249 | + 58,7 % | Höchststand seit 1996 |
| Beschäftigte Lehrlinge (Jan-Okt) | 12.020 | – 3,7 % | k. A. |
Rechnerisch kommen auf jede offene Lehrstelle 1,67 Suchende. Der Wert verschleiert allerdings die Realität, weil es sich um zwei sehr ungleiche Mengen handelt: Die ausgeschriebenen Stellen verlangen oft Profile, die viele Bewerber nicht erfüllen (Metalltechnik, Elektrik, Mechatronik), während die Suchenden überwiegend Berufe im Verkauf, Bürokaufmann oder in der Gastronomie anstreben – genau dort, wo Stellen am stärksten zurückgehen.
Welche Branchen am stärksten abbauen
Der Rückgang verteilt sich nicht gleichmäßig. Bestimmte Branchen ziehen sich aus der Lehrlingsausbildung sichtbar zurück:
| Branche | Rückgang Lehrstellen | Ursache |
|---|---|---|
| Bauwirtschaft | – 31,9 % (2 Jahre) | Auftragsrückgang, KIM-Verordnung |
| Handel | – 6,9 % (vs. 2024) | Online-Konkurrenz, Filialschließungen |
| Tourismus / Gastronomie | – 3,0 % (vs. 2024) | Personalkosten, dünne Margen |
| Industrie / Fertigung | weitgehend stabil | Fachkräftemangel zwingt zum Ausbilden |
Die Bauwirtschaft ist der härteste Fall. Mit einem Minus von fast einem Drittel in zwei Jahren spiegelt sie das Einbrechen der Wohnbau-Fertigstellungen 2025 wider. Im Handel drücken Online-Konkurrenz und Filial-Schließungen auf die Lehrlingsbudgets, sichtbar etwa bei der angekündigten MediaMarkt-Konsolidierung in Österreich.
Stabil bleibt die Industrie – oft sogar gegen den allgemeinen Trend. Voestalpine, Andritz, AVL und Magna Steyr halten ihre Lehrwerkstätten aufrecht. Hier zwingt der demografisch absehbare Fachkräftemangel zum Ausbilden, auch wenn die Auftragslage gedämpft ist.
Wo Lehrlinge in der Steiermark am meisten verdienen
Die Lehrlingsentschädigungen variieren branchenabhängig stark. Im Herbst 2026 liegen die Bruttobeträge im 3. Lehrjahr in einer Bandbreite, die sich an den Kollektivverträgen orientiert:
- Metalltechnische Industrie: rund 1.660 Euro brutto (3. Lehrjahr, nach KV-Erhöhung 1.11.2026)
- Elektrotechnik / IT: 1.400 bis 1.700 Euro je nach Sparte
- Bauwirtschaft (Maurer, Tiefbau): bis zu 2.300 Euro im 3. Lehrjahr – der höchste KV-Bereich
- Handel: rund 1.100 Euro
- Gastronomie / Hotel: 950 bis 1.050 Euro
- Friseur, Kosmetik: 770 bis 880 Euro – untere Bandbreite
Wer Verdienst priorisiert, landet 2026 fast unweigerlich bei Bau, Industrie oder Energie. Wer auf Berufung setzt, akzeptiert den Einkommens-Trade-off bei Friseur, Floristik oder im Sozialbereich.
Was Land und AMS dagegensetzen
Snobe und AMS-Landesleitung haben für 2026 ein Maßnahmenpaket angekündigt. Es umfasst:
- Überbetriebliche Lehrausbildung (ÜBA): Plätze für Jugendliche, die keine reguläre Lehrstelle finden, in steirischen Bildungseinrichtungen. Aufgestockt um mehrere hundert Plätze für 2026.
- Lehre nach der Matura: Anreize für Maturanten, eine verkürzte Lehre anzuhängen. Aufbauend auf dem etablierten Lehre-mit-Matura-Modell.
- Lehrlingsbörse WKO: Tagesaktuelle Vermittlungsplattform für Betriebe und Suchende.
- Qualifizierungsoffensive: Förderung für Asylberechtigte und ältere Jugendliche, eine zweite Berufschance zu starten.
- Beratungsoffensive an Schulen: AMS-Berater in den 4. Klassen der Mittelschulen und Polytechnikum.
Snobe wird in der Bilanz deutlich: Der Rückgang sei kein technisches AMS-Problem, sondern Ausdruck der aktuellen Konjunktur. Wer aus dem Lehrlingsthema austrete, verschärfe seinen eigenen Fachkräftemangel in fünf bis sieben Jahren erheblich.
Welche Bezirke besonders betroffen sind
Auch innerhalb der Steiermark verteilt sich der Druck ungleich. Die monatlichen Arbeitsmarkt-Berichte der AMS-Geschäftsstellen zeigen für Anfang 2026 folgendes Muster: Besonders angespannt ist die Lage in Bruck-Mürzzuschlag, wo der Strukturwandel der Schwerindustrie weiterhin nachwirkt, und in Deutschlandsberg, wo die südliche Bauwirtschaft schwächelt. Vergleichsweise stabil sind Graz Stadt, Graz-Umgebung und Voitsberg – hier finden Suchende eher Plätze.
Im Bezirk Leibnitz bleibt der Arbeitsmarkt insgesamt spürbar angespannt, wie der Quartalsbericht der AMS-Regionalstelle dokumentiert. Lehrstellen sind nicht das größte Problem, sondern Arbeitsplätze für junge Erwachsene ohne abgeschlossene Berufsausbildung.
Was Eltern und Jugendliche jetzt tun sollten
Für die Lehrstellensuche zum Herbst 2026 gelten ein paar handfeste Empfehlungen aus der AMS-Beratungspraxis:
- Frühzeitig melden: Im Februar/März des Suchjahrs eine AMS-Beratung in Anspruch nehmen, nicht erst nach Schulschluss.
- Mangel-Berufe prüfen: Wer flexibel ist, hat im Mai-Stichtag oft mehrere Angebote in Metall, Elektrotechnik, Sanitärtechnik und Mechatronik.
- Lehre-mit-Matura überlegen: Doppelqualifikation öffnet später beide Bildungswege.
- ÜBA als Brücke: Wer im Sommer keine Lehrstelle hat, sollte einen ÜBA-Platz beim AMS beantragen, um nicht ein Jahr zu verlieren.
- Lehrlingsbörse der WKO Steiermark wöchentlich checken – Plätze werden laufend nachgemeldet.
Wer als Betrieb umgekehrt Lehrlinge sucht, sollte rechtzeitig zur AMS-Lehrstellenmesse im April präsent sein und seine Stellen aktuell halten. Ältere Inserate sortieren Suchende erfahrungsgemäß als wenig ernsthaft aus.