600 Energiegemeinschaften sind derzeit allein im Netz der Energie Steiermark aktiv. Sie versorgen etwa 18.000 Anschlüsse mit gemeinschaftlich erzeugtem Strom, rechnet man die übrigen Netzbetreiber dazu, kommt das Bundesland auf rund 25.000 Teilnehmer:innen. Allein 2025 sind dreimal so viele Anfragen eingegangen wie ein Jahr zuvor. Der Grund: Einspeisetarife für PV-Strom sind massiv eingebrochen, Netzentgelte machen mittlerweile rund ein Drittel jeder Stromrechnung aus. Dazu kommt eine Zäsur, die viele Beteiligte unterschätzen: Am 1. Oktober 2026 tritt das neue Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) in Kraft und führt jede bestehende Gemeinschaft in ein neues Regelwerk über.
Wie sich Energiegemeinschaften in der Steiermark entwickelt haben
Vor vier Jahren waren Energiegemeinschaften ein Nischenkonstrukt für engagierte Vereine und PV-Pioniere. Heute baut die Mehrheit jeder neuen PV-Anlage gleich eine Gemeinschaftslösung mit ein. Urs Harnik, Pressesprecher der Energie Steiermark, formulierte es im ORF-Interview so: „Wir verzeichnen allein im heurigen Jahr drei Mal so viele Anfragen wie im letzten Jahr.“ Die größte steirische Gemeinschaft im Bezirk Graz-Umgebung umfasst rund 2.500 Anschlüsse. Andere zählen 20 Mitglieder. Der Spielraum ist groß.
Der Wachstumstreiber ist banal und ärgerlich zugleich: Wer Photovoltaik-Strom ins öffentliche Netz einspeist, erhält dafür im Frühjahr 2026 deutlich weniger als noch 2023. Harnik dazu: „Strom aus Photovoltaikanlagen kann am Markt im Moment nur zu sehr niedrigen Preisen verkauft werden.“ Wer den Überschuss stattdessen direkt an Nachbarn, Vereinsmitglieder oder die Gemeinde verkauft, bekommt mehr für seinen Strom und reduziert gleichzeitig die Netzentgelte bei den Abnehmern. Beide Seiten profitieren.
Österreichweit waren Ende 2025 laut Daten der E-Control bereits 5.590 Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften, rund 1.000 Bürgerenergie-Gemeinschaften und etwa 5.000 Gemeinschaftliche Erzeugungsanlagen in Betrieb. Die Steiermark liegt im bundesweiten Vergleich auf einem der vorderen Plätze.
EEG, BEG und GEA – die drei Modelle im Vergleich
Wer sich beteiligen will, stolpert zuerst über die Abkürzungen. Drei Modelle stehen zur Auswahl, jedes mit eigenem Zuschnitt und eigenen Grenzen.
| Modell | Räumliche Grenze | Rechtsform | Netzentgelt-Rabatt |
|---|---|---|---|
| Gemeinschaftliche Erzeugungsanlage (GEA) | Eine Liegenschaft / ein Hauptzähler | Privatrechtliche Vereinbarung | Voller Wegfall (keine Netznutzung) |
| Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft (EEG) | Lokal (Nahebereich) oder regional (Trafostation) | Verein, Genossenschaft, GmbH | ca. 4,5 – 5 Cent/kWh Ersparnis |
| Bürgerenergie-Gemeinschaft (BEG) | Österreichweit | Verein, Genossenschaft, GmbH | Kein Rabatt (volle Netzentgelte) |
Die Gemeinschaftliche Erzeugungsanlage ist die einfachste Form. Sie betrifft ein Mehrparteienhaus mit einer PV-Anlage am Dach, dessen Bewohner sich den Strom über ein internes Aufteilungssystem teilen. Hier wird keine Netzleitung mitgenutzt, deshalb fallen keine Netzentgelte an.
Die Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft ist das beliebteste Modell in der Steiermark. Sie funktioniert immer dann, wenn alle Teilnehmer im selben Netzbereich angeschlossen sind. „Lokal“ heißt: gleicher Niederspannungstrafo. „Regional“ heißt: gleiches Umspannwerk. Innerhalb dieser Grenzen erhalten EEG-Mitglieder rund 4,5 bis 5 Cent pro Kilowattstunde Netzentgelt-Rabatt, weil das gemeinschaftlich erzeugte Strom nur durch einen Teil des Netzes fließt.
Die Bürgerenergie-Gemeinschaft kennt keine geografischen Grenzen. Ein Verein aus Graz kann Strom an Mitglieder in Vorarlberg liefern. Klingt attraktiv, hat aber einen Pferdefuß: Netzentgelt-Rabatte gibt es keine. Der Vorteil liegt allein in der Preisgestaltung zwischen Mitgliedern.
Strompreise im Praxistest: BEG Steiermark Plus
Wie sich diese Modelle finanziell auswirken, lässt sich an einer der größten steirischen Bürgerenergiegemeinschaften ablesen. Die BEG Steiermark Plus, organisiert als gemeinnützige Körperschaft, kalkuliert für 2026 mit folgenden Werten:
| Position | Cent/kWh | Anmerkung |
|---|---|---|
| Einspeisetarif (an Mitglieder) | 7,80 | brutto für Private, deutlich über OeMAG-Vergütung |
| Bezugspreis (für Abnehmer) | 9,00 | 100 % Öko-Strom aus Österreich |
| Netzentgelt-Ersparnis (nur EEG-Variante) | ca. 5,00 | nur bei regionaler Erneuerbaren-Variante |
Wer als steirischer Privathaushalt 2026 PV-Strom über den klassischen Marktweg verkauft, bekommt dafür je nach Anbieter und Lieferprofil 3 bis 6 Cent. Über die BEG Steiermark Plus sind es 7,80 Cent. Auf der Abnehmerseite liegt der reine Energiepreis bei 9 Cent gegenüber rund 11 bis 14 Cent im klassischen Stromtarif laut dem aktuellen Strompreis-Vergleich Steiermark 2026. Ein Haushalt mit 3.500 kWh Jahresverbrauch spart so beim Energiepreis-Anteil rund 70 bis 175 Euro pro Jahr. Die Kündigungsfrist beträgt drei Monate, der Einstieg ist niederschwellig.
Das ist nur die Energiepreis-Komponente. Steuern, Netzentgelte und Abgaben kommen wie beim klassischen Versorger dazu. Die BEG kann diese nicht reduzieren – das schafft nur eine regionale EEG.
smartCOMMUNITY: Energie Steiermark öffnet den Peer-to-Peer-Handel
Anders gelagert ist das Angebot des Landesversorgers selbst. Mit smartCOMMUNITY betreibt die Energie Steiermark eine eigene Plattform, auf der Kunden ihren PV-Überschuss direkt an andere Energie-Steiermark-Kunden verkaufen können. Die Plattform versteht sich nicht als klassische Energiegemeinschaft, sondern als Peer-to-Peer-Marktplatz.
Die Eckdaten für 2026:
- Monatsgebühr: 2,50 Euro inkl. USt. (für Neukunden 12 Monate gratis)
- Bearbeitungsgebühr Einspeisung: 2,0 Cent/kWh netto
- Voraussetzung: Smart Meter ohne Opt-out, seit mindestens drei Monaten installiert, viertelstündige IME-Funktion
- Maximale PV-Anlage: 50 kWp
- Aktuelle Handelsdaten Februar 2026: 28,30 MWh gehandeltes Volumen, Durchschnittspreis 13,30 Cent/kWh
Die Energie Steiermark betreibt parallel eine eigene Energiegemeinschaft mit mehr als 500 Kunden, der konkurrierenden Modelle stehen also Kunden gegenüber, die zwischen verschiedenen Optionen wählen können. Wer einen funktionierenden Smart Meter hat, profitiert ohnehin von zusätzlichen Tarifmöglichkeiten – siehe dazu auch die Auswertung zum Sonnenrabatt SNAP für Smart-Meter-Kunden.
ElWG ab 1. Oktober 2026: Was sich grundlegend ändert
Mit dem neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) wird das gesamte Regelwerk neu sortiert. Stichtag ist der 1. Oktober 2026. Jede bestehende Gemeinschaft muss bis dahin ihre Verträge und Statuten prüfen lassen.
Die wichtigsten Änderungen laut offizieller Informationsplattform des Klima- und Energiefonds:
- Größenobergrenzen steigen: Unternehmen können künftig bis zu 6 MW elektrische Leistung beisteuern. Bisher waren es deutlich weniger.
- Lieferantenpflichten: Wer als Haushaltskunde Anlagen über 30 kW betreibt oder aktiv als größerer Produzent mitwirkt, muss neue Lieferantenpflichten erfüllen. Ein „Organisator“ kann diese Aufgaben übernehmen.
- Organisator-Rolle: Eine neue Funktion, die die operative und kaufmännische Abwicklung übernimmt. Für viele kleinere Gemeinschaften ein Ausweg aus der bürokratischen Komplexität.
- Drittbesitz an Anlagen: Erzeugungs- und Speicheranlagen dürfen künftig auch von externen Partnern besessen und betrieben werden, solange die Gemeinschaft die Steuerung behält.
- Erweitertes Gebiet: Auch Übertragungsleitungen auf Hauptspannungsebene werden zugelassen, was die räumliche Reichweite von EEGs vergrößert.
- BEG-Marktprämien: Die bisherige 50-Prozent-Einspeiseobergrenze für Bürgerenergie-Gemeinschaften entfällt.
- Standardisierte Speicherkonzepte: Neue Messrahmenwerke für Batteriespeicher.
Wer 2026 noch gründen oder beitreten möchte, sollte sich überlegen, ob ein Start vor oder nach dem 1. Oktober günstiger ist. Bestehende Gemeinschaften sollten ihre Statuten rechtzeitig prüfen, um nicht in eine Übergangslücke zu fallen.
Anlaufstellen für steirische Gründer:innen und Beitrittsinteressierte
Wer sich erstmals mit einer Gemeinschaft beschäftigt, findet in der Steiermark drei zentrale Kontaktstellen:
- Energie Agentur Steiermark: Kostenlose telefonische Beratung montags und mittwochs von 13:00 bis 16:00 Uhr unter +43 316 269 700 0. Schritt-für-Schritt-Gründungsanleitung und Leitfaden für solidarische Gemeinschaften sind online verfügbar. Mehr unter ea-stmk.at.
- Bundesplattform: Die zentrale Anlaufstelle der Republik ist energiegemeinschaften.gv.at mit FAQ-Katalog zum ElWG, interaktiver Landkarte und Vorlagen.
- Suchplattform für Mitglieder: Auf energiegemeinschaft.info lassen sich aktive Gemeinschaften nach Postleitzahl filtern.
Steirische Beispielprojekte aus der Bundeslandkarte des Klima- und Energiefonds: 7Energy Bürgerenergiegemeinschaft in Graz, BEG Energiedigital eG, Bürgerenergienetzwerk BEN, Energie-Gemeinschaft SpaceLeon und die Energiegemeinschaft Südsteiermark mit Sitz in Heimschuh. Die Kartenangaben basieren auf Selbstmeldungen und sind nicht vollständig.
Wo Energiegemeinschaften an Grenzen stoßen
Die Rechnung hat Grenzen. Gemeinschaften sind nicht autark. Wenn im Winter wochenlang kein Sonnenschein vorhanden ist, fehlt der lokal erzeugte Strom. Externe Energieversorger bleiben Pflicht. Großspeicher, die diese Saisonlücke schließen könnten, befinden sich weltweit erst in Pilotphasen.
Ein zweiter Punkt: Die finanzielle Ersparnis hängt stark vom Verbrauchsprofil ab. Wer tagsüber zu Hause arbeitet, profitiert mehr als ein Schichtarbeiter mit Nachtdienst. Die zeitliche Überlappung von Erzeugung und Verbrauch entscheidet, wie viel Strom überhaupt innerhalb der Gemeinschaft verteilt werden kann.
Drittens: Der bürokratische Aufwand für die Gründung ist erheblich. Vereinsstatuten, Mitgliederverwaltung, jährliche Stromabrechnung, steuerliche Behandlung – alles muss sauber abgebildet werden. Genau hier setzt die neue Organisator-Rolle ab Oktober 2026 an. Viele kleinere Gemeinschaften wandern derzeit in die Hände professioneller Dienstleister, die diese Aufgaben pauschal übernehmen.
Wer trotzdem den Schritt geht, beteiligt sich an einer regionalen Wertschöpfungskette, die in der Steiermark mit dem Green Tech Valley ohnehin tief verankert ist. Die nächste Welle wird vom ElWG getrieben – und davon, wie schnell die Netzbetreiber die neuen Datenformate für viertelstündige Verbrauchszuteilung umsetzen.
Quellen
- ORF Steiermark: Großes Interesse an Energiegemeinschaften (Zitate Energie Steiermark)
- E-Control: Energiegemeinschaften und österreichweite Zahlen
- Klima- und Energiefonds: Änderungen für bestehende Energiegemeinschaften (ElWG)
- Energie Agentur Steiermark: Beratung und Leitfaden
- BEG Steiermark Plus: Tarife und Mitgliedschaft
- Energie Steiermark: smartCOMMUNITY-Plattform