Die EU fördert in ganz Europa genau ein Projekt, das KI-gesteuerte Roboter in bestehende Fabriken bringen soll, und stattet es mit rund 18 Millionen Euro aus. Um dieses eine Projekt bewirbt sich die Steiermark. Der Automatisierungscluster AT Styria hat am 5. Oktober 2026 in Graz ein Konsortium mit Partnern aus Österreich, Slowenien, Italien und Bayern vorgestellt, das die Region zum Testfeld für humanoide Roboter machen will. Die Ausschreibung öffnet am 17. November 2026, der Antrag muss bis 18. März 2027 in Brüssel sein. Geht er durch, starten die ersten Roboter Anfang 2028 in steirischen Werkshallen. Geht er nicht durch, gibt es aus diesem Topf nichts.
Parallel dazu warten zwei Betriebe im Grazer Süden nicht auf Brüssel: Roto Frank Austria in Kalsdorf erwartet seinen ersten Humanoiden noch im Oktober, PIA Automation Austria in Grambach bereitet einen eigenen Roboter für eine Fertigungslinie im Jahr 2027 vor.
Der Fahrplan bis 2028
| Termin | Was passiert |
|---|---|
| 5. Oktober 2026 | AT Styria stellt Konsortium und Pilotprojekte bei den European Robotics and Automation Talks in der Wirtschaftskammer Steiermark vor |
| 17. November 2026 | Die EU-Kommission öffnet die Ausschreibung |
| 18. März 2027 | Einreichfrist für den Antrag |
| Sommer 2027 | Förderentscheidung |
| 1. Quartal 2028 | Frühester Projektstart laut AT Styria |
Quellen: AT Styria (Pressegespräch vom 05.10.2026, berichtet von APA und ORF Steiermark), Arbeitsprogramm Horizon Europe 2026-2027, Teil 7.
Drei Piloten in echten Fabriken
Der Antrag stützt sich auf drei Pilotprojekte, die nicht im Labor laufen sollen, sondern in laufender Produktion:
- Fertigung: Humanoide Roboter arbeiten an mehreren Arbeitsplätzen einer Produktion, bedienen Maschinen, wechseln Werkstücke und übernehmen körperlich belastende Handgriffe.
- Logistik: Autonome mobile Roboter bringen Material zwischen Lager, Fertigung und Montage und stellen sich selbstständig auf geänderte Routen und Abläufe ein.
- Qualität und Instandhaltung: KI-gestützte Systeme übernehmen Qualitätskontrolle, Inspektion und Wartungsaufgaben.
Am Ende soll für jeden Piloten eine Rechnung stehen, mit der ein Betrieb etwas anfangen kann. Heinz Mayer, Geschäftsführer von Joanneum Research, nannte bei der Präsentation vier Größen: die erreichte Taktzeit, die Zuverlässigkeit, den Aufwand für die Einbindung in die bestehende Anlage und den Zeitpunkt, ab dem sich die Investition rechnet. Profitieren sollen laut AT Styria vor allem kleine und mittlere Betriebe, die sich eigene Versuche mit der Technik nicht leisten können.
Wer im Konsortium sitzt
| Partner | Sitz | Was er einbringt |
|---|---|---|
| AT Styria | Graz (WKO Steiermark) | Initiator; Netzwerk von rund 120 Unternehmen der Automatisierungstechnik |
| Joanneum Research | Graz, Robotik-Institut in Klagenfurt | Forschung; betreibt ein Messlabor für die Sicherheit beim Kontakt zwischen Mensch und Roboter |
| TU Graz | Graz | Forschung |
| FH Campus 02 | Graz | Forschung und Ausbildung, Department Automatisierungstechnik |
| Magna Steyr | Graz | Industriepartner |
| DCCS | Graz | Software und KI; bindet humanoide Roboter in Unternehmensprozesse und IT ein |
| BrightFlare | Graz | Absicherung industrieller Anlagen, KI-Sicherheit |
| Kärntner Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen | Kärnten | Eingebunden über die Area Süd |
| SRIP Factories of the Future | Slowenien | Industrienetzwerk, mögliche Pilotbetriebe |
| DITEDI | Udine, Friaul-Julisch Venetien | Digitalcluster mit Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Region |
| Bayern Innovativ | Bayern | Netzwerkpartner |
Quellen: APA und Brutkasten vom 05.10.2026, AT Styria, Joanneum Research Robotics. In welchem Betrieb welcher Pilot läuft, wurde nicht genannt.
Die beiden Technologiepartner aus Graz sind erst seit heuer Mitglied bei AT Styria. DCCS gibt es seit 1989, das Softwarehaus beschäftigt 330 Fachleute an sieben Standorten von Graz über Wien und Wels bis Stuttgart und Sarajevo. Nach Angaben von Geschäftsführer Thomas Edlinger hat das Unternehmen bereits mehr als ein Dutzend Projekte mit humanoiden Robotern umgesetzt. BrightFlare wurde 2025 gegründet und zählte im Mai 2026 rund 20 Beschäftigte. Das Unternehmen sichert vernetzte Produktionsanlagen ab. CEO Markus Seme will in der Testregion Schutzkonzepte für KI-gesteuerte Roboter unter realen Bedingungen entwickeln.
Die Achse nach Süden hat AT Styria über Monate vorbereitet. Im Juli 2026 unterzeichnete der Cluster gemeinsam mit Joanneum Research in Udine eine Kooperation mit dem Cluster DITEDI, als Schwerpunkte stehen dort Robotik, Automatisierung, KI und Cybersicherheit. Die Kärntner Partner kommen über die Area Süd dazu, den gemeinsamen Wirtschaftsraum entlang der Koralmbahn. Magna Steyr baut in Graz inzwischen Elektroautos für chinesische Marken.
Was die EU ausschreibt
AT Styria nennt den Call nicht beim Namen. Budget, Termin und Inhalt passen aber nur auf ein Thema im Arbeitsprogramm 2026-2027 von Horizon Europe: HORIZON-CL4-2027-04-DIGITAL-EMERGING-05, zu Deutsch etwa „KI-gesteuerte Robotik für die Industrie: Systemintegration und Einführung ermöglichen“.
| Merkmal | Vorgabe der Kommission |
|---|---|
| Budget des Themas | 18 Millionen Euro |
| Erwarteter EU-Beitrag je Projekt | rund 18 Millionen Euro, das Budget reicht also für ein einziges Projekt |
| Art | Innovation Action, also marktnahe Umsetzung statt Grundlagenforschung |
| Reifegrad | Start bei TRL 4 (im Labor erprobt), Ziel TRL 7 (Prototyp im realen Einsatz) |
| Pflichtumfang | mindestens drei Piloten in realer Industrieumgebung, in Betrieben unterschiedlicher Größe |
| Teilnahme | EU-Staaten, Island, Norwegen sowie Kanada, Israel, Südkorea, Neuseeland, Schweiz und Vereinigtes Königreich |
| Ausschluss | Unternehmen, die direkt oder indirekt aus China kontrolliert werden |
| Öffnung / Frist | 17.11.2026 / 18.03.2027 |
Quelle: Europäische Kommission, Arbeitsprogramm Horizon Europe 2026-2027, Teil 7 „Digital, Industry and Space“, Seiten 151 bis 153.
Zwei Punkte im Ausschreibungstext fallen auf. Das Wort „humanoid“ kommt darin nicht vor. Die Kommission schreibt kein bestimmtes Robotermodell aus, sondern ein Integrationsgerüst: eine gemeinsame Softwareschicht mit Standardschnittstellen, über die sich Roboter verschiedener Hersteller an bestehende Abläufe und Altsysteme anbinden lassen. Dazu verlangt sie einen Baukasten mit fertigen Modulen und Beispielkonfigurationen für Systemintegratoren, offene Datensätze und eine Anleitung, mit der auch Betriebe ohne eigenes Spezialistenteam einsteigen können. Die drei steirischen Piloten decken genau die geforderte Mindestzahl ab, der zweibeinige Roboter ist der Schwerpunkt, den das Konsortium selbst setzt.
Der zweite Punkt ist die Herkunftsklausel. Die Kommission begründet sie mit der technologischen Unabhängigkeit Europas; sie gilt für die Partner, die im Projekt mitarbeiten und Fördergeld erhalten.
18 Millionen Euro: viel oder wenig?
Beim Pressegespräch am Montag war auch Ulrike Haslauer dabei. Die Geschäftsführerin des Wiener Elektrotechnik-Unternehmens Compact Electric ist seit Oktober 2025 Präsidentin der GMAR, der Österreichischen Gesellschaft für Mess-, Automatisierungs- und Robotertechnik, die die Grazer Tagung gemeinsam mit AT Styria ausrichtet. Sie hält die Summe für ein europaweites Vorhaben für zu klein, gab aber zu verstehen, dass man nimmt, was geboten wird. Auch AT Styria selbst sprach davon, das Geld wäre „erst einmal ein Anfang“.
Die Größenordnung lässt sich an der Branche messen, der das Projekt dienen soll. Die steirische Automatisierungstechnik erwirtschaftet laut einer Studie des Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung der WKO Steiermark rund 6,3 Milliarden Euro Wertschöpfung im Jahr. 18 Millionen Euro, verteilt auf mehrere Jahre und auf Partner in vier Ländern, sind davon knapp 0,3 Prozent eines einzigen Jahres.
Zwei Betriebe im Grazer Süden sind schon weiter
Dass das Thema in den Betrieben angekommen ist, zeigt eine Blitzumfrage von AT Styria unter den eigenen Mitgliedern: Rund zwei Drittel stufen humanoide Robotik als sehr wichtig ein, die meisten stecken aber noch in der Phase des Ausprobierens. Zwei Unternehmen haben in einem Gespräch mit dem Magazin Spirit of Styria im September konkrete Pläne offengelegt.
Roto Frank Austria, Kalsdorf
Der Hersteller von Fenster- und Türbeschlägen betreibt in Kalsdorf bei Graz zahlreiche Zinkgussmaschinen. Sie werden mit Zinkbarren beschickt, die jeweils rund acht Kilogramm wiegen. Diese Arbeit soll ein humanoider Roboter übernehmen: Barren vom Stapel nehmen, an die Maschine übergeben. Geschäftsführer Christian Lazarevic rechnet mit der Lieferung im Oktober 2026, im Betrieb läuft das Gerät unter dem Spitznamen „Seppl“. Als Hürden nennt er zwei Dinge. Der Roboter muss stehen bleiben, sobald ihm ein Mensch zu nahe kommt, und die Belegschaft muss ihn annehmen. Deshalb will das Unternehmen von Beginn an offenlegen, warum der Roboter kommt und welche Arbeit er abnimmt.
PIA Automation Austria, Grambach
Der Anlagenbauer, in der PIA-Gruppe das Kompetenzzentrum für Automatisierung in der E-Mobilität, arbeitet an einem eigenen Humanoiden namens „Kurt“. Laut Finanzchef Christof Wochesländer wird er derzeit für eine Fertigungslinie im Automobilbereich trainiert, der Einsatz ist für 2027 geplant. Zuerst geht es um Materialtransport und innerbetriebliche Logistik. Die CE-Zertifizierung für diesen einen Anwendungsfall läuft. Frei durch die Halle gehen wird der Roboter nicht: Er arbeitet in einem abgegrenzten Bereich hinter einem Schutzzaun und in einem fest definierten Ablauf.
Beide Beispiele zeigen, wo die Technik heute steht. Ein Humanoider kann sich in einer Umgebung bewegen, die für Menschen gebaut wurde, das spart den Umbau der Halle. Eine einzelne Tätigkeit zuverlässig auszuführen und gleichzeitig auf die Umgebung zu reagieren, bleibt die eigentliche Schwierigkeit. Zum selben Befund kamen Fachleute der FH Campus 02 und von AT Styria nach der Robotik-Weltkonferenz ICRA Anfang Juni in Wien: Programmierbarkeit und Robustheit reichen für den breiten Industrieeinsatz noch nicht aus. Udo Traussnigg, Leiter des Departments Automatisierungstechnik an der FH Campus 02, hält deshalb weniger das Wann für entscheidend als das Wofür.
44.000 Beschäftigte und die Frage nach den Jobs
AT Styria gibt es seit zehn Jahren. Die Branche, die der Cluster vertritt, beschäftigt in der Steiermark mehr als 44.000 Menschen, um nahezu 60 Prozent mehr als 2008. Jeder zehnte in der Steiermark erwirtschaftete Euro stammt aus diesem Segment. Bis 2030 hält die Studie bis zu 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze für möglich. Zum Jubiläum im Juni 2026 hat der Cluster eine eigene Arbeitsgruppe für humanoide und flexible Robotik eingerichtet, bei der Feier in der Brauerei Göss führte die Montanuniversität Leoben humanoide Roboter vor.
Den Vorwurf, Roboter würden Arbeitsplätze vernichten, weist AT-Styria-Vorsitzender Herbert Ritter, zugleich Vizepräsident der WKO Steiermark, seit Jahren zurück und verweist auf die Beschäftigungszahlen. Die Betriebe argumentieren mit Ergonomie, Kosten und Demografie: Ersetzt werden sollen Tätigkeiten wie das Bewegen mehrerer Tonnen Material am Tag, und es kommen weniger Junge nach. Gebraucht werden dafür Leute, die Roboter anlernen, warten und in Abläufe einbinden. Wie sich das auf die Ausbildung auswirkt, zeigt der Blick auf den steirischen Lehrstellenmarkt.
Was Betriebe bis zur Entscheidung tun können
Bis zur Förderentscheidung im Sommer 2027 vergeht fast ein Jahr, bis zu ersten Ergebnissen aus den Piloten deutlich mehr. Drei Dinge lassen sich vorher klären.
- Den Anwendungsfall suchen, nicht den Roboter. Sowohl Roto Frank als auch PIA haben mit einer einzigen, eng umrissenen Tätigkeit begonnen. Geeignet sind Handgriffe, die wenig Wertschöpfung bringen, aber körperlich belasten oder viel Zeit binden: Maschinen nachversorgen, Material transportieren, Teile umsetzen.
- Die Regeln mitplanen. Ab 2027 gilt die neue EU-Maschinenverordnung, PIA lässt seinen Roboter für genau einen Anwendungsfall CE-zertifizieren. Dazu kommen Datenschutz und der Schutz der vernetzten Anlage vor Angriffen. Für Letzteres gibt es in der Steiermark mit Cyber!Sicher eine eigene Förderung.
- Bestehende Förderungen nutzen. Für KI-Projekte in Unternehmen laufen in der Steiermark mehrere Programme von Land und Bund, die nicht an das EU-Projekt gebunden sind. Welche offen sind und welche Fristen gelten, steht im Überblick zu den KI-Förderungen für steirische Unternehmen.
Wer als Pilotbetrieb in Frage kommt oder sich an der Arbeitsgruppe beteiligen will, wendet sich an AT Styria in der WKO Steiermark. Geschäftsführer des Clusters ist Helmut Röck.
Häufige Fragen zur Robotik-Testregion Steiermark
Ist die Förderung schon zugesagt?
Nein. Die Ausschreibung öffnet erst am 17. November 2026, eingereicht wird bis 18. März 2027, die Entscheidung fällt im Sommer 2027. Weil das Budget nur für ein Projekt reicht, konkurriert das steirische Konsortium mit Bewerbern aus ganz Europa um einen einzigen Zuschlag.
Wie viel Geld gibt es?
Rund 18 Millionen Euro aus dem EU-Forschungsprogramm Horizon Europe für das gesamte Konsortium, also für Partner in Österreich, Slowenien, Italien und Bayern zusammen.
Welche steirischen Unternehmen sind dabei?
Genannt wurden Magna Steyr, das Softwarehaus DCCS und der Sicherheitsspezialist BrightFlare, alle aus Graz, dazu Joanneum Research, die TU Graz und die FH Campus 02. Initiator ist der Cluster AT Styria.
Wann kommen die ersten humanoiden Roboter in steirische Fabriken?
Im EU-Projekt frühestens im ersten Quartal 2028. Unabhängig davon erwartet Roto Frank Austria in Kalsdorf seinen ersten Humanoiden im Oktober 2026, PIA Automation Austria in Grambach plant den Einsatz 2027.
Was sollen die Roboter konkret tun?
Maschinen bedienen und Werkstücke wechseln, Material zwischen Lager, Fertigung und Montage transportieren sowie Qualität prüfen und Anlagen inspizieren. Im Vordergrund stehen körperlich belastende und eintönige Tätigkeiten.
Stand: 5. Oktober 2026.