Mit 1.559 anberaumten Zwangsversteigerungsterminen erreichte der österreichische Markt 2025 den höchsten Wert seit 2018 – ein Plus von 42,8 Prozent gegenüber 2024. Die Steiermark zählt dabei gemeinsam mit Wien zu jenen Bundesländern, die ihren Anteil am gesamtösterreichischen Zwangsversteigerungsmarkt am stärksten ausgebaut haben und liegt hinter Niederösterreich auf Rang 3. Die Entwicklung trifft vor allem Wohn- und Gewerbeimmobilien: Wohnobjekte verzeichneten österreichweit einen Anstieg der Versteigerungstermine um 54,6 Prozent, Gewerbeimmobilien um 52,1 Prozent. Hinter diesen Zahlen stecken ausgelaufene Fixzinsbindungen, hartnäckige Inflation und eine angespannte Konjunkturlage, die auch steirische Haushalte und Betriebe zunehmend in die gerichtliche Verwertung führt.
Der Zwangsversteigerungsmarkt in der Steiermark 2026
Die Analyse von SmartFacts Data Services, dem seit 2007 führenden Datenspezialisten für gerichtliche Liegenschaftsverwertung in Österreich, zeigt laut einem Bericht von immobilien investment eine deutliche Trendwende. Nach jahrelangem Rückgang – zwischen 2019 und 2023 bewegten sich die österreichweiten Termine zwischen 808 und 1.074 pro Jahr – steigt die Anzahl nun wieder auf das Niveau der Jahre 2017 und 2018. Pro 100.000 Einwohner werden aktuell 17,0 Zwangsversteigerungstermine anberaumt, nach 11,9 im Vorjahr.
Für die Steiermark bedeutet das konkret: Gemeinsam mit Wien hat das Bundesland seinen Anteil am österreichischen Zwangsversteigerungsmarkt deutlich ausgebaut und rangiert hinter Niederösterreich, das etwa ein Viertel aller Verfahren auf sich vereint, unter den Top 3. Die Verschiebung in der Marktstruktur ist markant: Wohnimmobilien machen nun 62 Prozent aller Termine aus, Gewerbeimmobilien 26 Prozent und Grundstücke nur noch 12 Prozent – eine deutliche Abweichung vom langfristigen Durchschnitt von 59, 25 und 16 Prozent.
Das Schätzwertvolumen der zur Versteigerung anberaumten Objekte entwickelte sich 2025 noch stärker als die reine Terminanzahl. Von 437 Millionen Euro im Jahr 2024 kletterte es auf 705 Millionen Euro – ein Zuwachs von 61,4 Prozent. Besonders ausgeprägt fiel die Steigerung bei Wohnimmobilien mit 84,3 Prozent aus, was auf hochwertige Objekte im mittleren und oberen Preissegment hindeutet. Der Anstieg betrifft längst nicht mehr nur Problemliegenschaften in strukturschwachen Regionen.
| Kennzahl | 2024 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Versteigerungstermine gesamt (Österreich) | 1.092 | 1.559 | +42,8 % |
| Termine Wohnimmobilien | ca. 623 | ca. 963 | +54,6 % |
| Termine Gewerbeimmobilien | ca. 266 | ca. 405 | +52,1 % |
| Termine Grundstücke | ca. 202 | ca. 188 | -7,1 % |
| Schätzwertvolumen gesamt | 437 Mio. € | 705 Mio. € | +61,4 % |
| Termine pro 100.000 Einwohner | 11,9 | 17,0 | +42,9 % |
Warum die Zahlen steigen: Zinswende trifft auf Konjunkturschwäche
Die Ursachen für den Anstieg der Zwangsversteigerungen sind vielschichtig. Viele steirische Eigenheimbesitzer haben zwischen 2015 und 2020 Immobilienkredite mit niedrigen Fixzinsen oder variabler Verzinsung abgeschlossen. Läuft die Zinsbindung nun aus, folgt oft ein Anpassungsschock: Statt der ursprünglich kalkulierten Monatsrate stehen plötzlich deutlich höhere Beträge zur Zahlung an. Wer damals mit knapper Haushaltsplanung gebaut oder gekauft hat, gerät bei gleichzeitig stagnierendem Einkommen und anhaltender Inflation rasch in Zahlungsschwierigkeiten. Für Eigentümer, die noch in der Sanierungs- oder Bauphase stehen, kann die aktuelle Wohnbauförderung Steiermark 2026 einen wichtigen Puffer bieten, um die Liquidität zu sichern.
Dazu kommt die schwache Konjunktur. Die Industriellenvereinigung Steiermark meldet im aktuellen Konjunkturbarometer durchwegs negative Werte und erwartet für das Frühjahr 2026 eine weitere Verschlechterung. Jeder dritte befragte Betrieb rechnet mit sich verschlechternder Geschäftslage. Selbstständige, Handwerker und Kleingewerbetreibende verlieren damit ihre wichtigste Einnahmequelle – und können oft weder Betriebskredite noch private Hypotheken bedienen.
Ein weiterer Faktor sind die steigenden Unternehmensinsolvenzen. Wenn ein Betrieb in die Pleite rutscht, ziehen Banken Sicherheiten ein. Dazu gehören auch private Liegenschaften, die als Hypothekardeckung hinterlegt wurden. Der Weg führt dann meist über den Antrag des Gläubigers beim zuständigen Bezirksgericht direkt zur Zwangsversteigerung nach §§ 133 bis 239 Exekutionsordnung (EO).
Wie eine Zwangsversteigerung in der Steiermark rechtlich abläuft
Das Verfahren ist in der Exekutionsordnung klar geregelt und folgt einem festen Schema. Zuständig sind die steirischen Bezirksgerichte am Ort der jeweiligen Liegenschaft – von Graz und Graz-Umgebung über Leibnitz, Leoben und Liezen bis Bruck an der Mur oder Hartberg. Gestartet wird das Verfahren auf Antrag eines betreibenden Gläubigers mit einem vollstreckbaren Titel: einem rechtskräftigen Urteil, einem Zahlungsbefehl aus dem Mahnverfahren oder einem Notariatsakt. Die vollständigen Paragraphen lassen sich im Gesetzestext auf JUSLINE zur Exekutionsordnung nachlesen.
Nach der Bewilligung trägt das Gericht eine entsprechende Anmerkung im Grundbuch (C-Blatt) ein – ab diesem Moment ist das Verfahren für jeden einsehbar, der einen Grundbuchauszug anfordert. Ein gerichtlich bestellter Sachverständiger erstellt anschließend ein Verkehrswertgutachten. Dieser Schätzwert bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte:
- Geringstes Gebot: 50 Prozent des Schätzwertes – unter diesem Wert darf die Liegenschaft nicht zugeschlagen werden
- Vadium (Sicherheitsleistung): 10 Prozent des Schätzwertes, mittels Sparbuch zu hinterlegen (bei Beträgen bis 15.000 Euro als Losungswort-Sparbuch, darüber als Namenssparbuch)
- Versteigerungstermin: Mindestens 4 Wochen vor dem Zuschlag öffentlich bekanntgemacht in der Ediktsdatei der Justiz
Die Versteigerung selbst findet als Tagsatzung am Bezirksgericht statt und wird von einem Richter geleitet. Der Meistbietende erhält den Zuschlag und wird mit Eintragung in das Grundbuch neuer Eigentümer. Wichtig für Bieter: Absprachen zwischen Bietern sind seit 2016 mit bis zu zwei Jahren Haft strafbewehrt. Auch das Bieten ohne hinterlegtes Vadium kann eine Geldstrafe bis 10.000 Euro nach sich ziehen.
Der Schuldner hat bis zur Erteilung des Zuschlags nach § 153 EO die Möglichkeit, die gesamte betriebene Forderung zu begleichen und damit die Versteigerung abzuwenden. Parallele Optionen sind die Aufschiebung (§ 42 EO), ein Ergänzungsgutachten bei zu niedrigem Schätzwert oder ein freihändiger Verkauf mit Zustimmung aller Gläubiger.
Gerade der freihändige Verkauf wird in der Steiermark zunehmend als Alternative genutzt, weil dabei oft höhere Preise erzielt werden als bei einer Versteigerung im geringsten Gebot. Voraussetzung ist die Einigung mit der finanzierenden Bank und gegebenenfalls weiteren Pfandgläubigern. Auch Schuldnerberatungsstellen wie die Schuldnerhilfe Steiermark in Graz unterstützen Betroffene beim Umgang mit Exekutionsverfahren und prüfen im Einzelfall, ob ein Privatkonkurs oder eine Restrukturierung die bessere Option wäre. Die frühzeitige Kontaktaufnahme ist entscheidend: Sobald die Anmerkung im Grundbuch eingetragen ist, werden alle späteren Verfügungen des Verpflichteten über die Liegenschaft gegenüber den Gläubigern unwirksam.
Regionale Schwerpunkte: Wo in der Steiermark versteigert wird
Die Verteilung der Zwangsversteigerungen innerhalb der Steiermark spiegelt die unterschiedliche wirtschaftliche Lage der einzelnen Bezirke wider. Starke Zentralräume wie Graz und Graz-Umgebung verzeichnen aufgrund der hohen Immobiliendichte absolut die meisten Verfahren, relativ betrachtet sind jedoch strukturschwächere Bezirke überproportional betroffen. Aktuelle Analysen von RegioData zeigen, dass zwei steirische Gemeinden – Sankt Georgen ob Judenburg (Bezirk Murtal, 19.753 Euro Kaufkraft pro Kopf) und Lassing (Bezirk Liezen, 19.615 Euro) – zu den fünf kaufkraftschwächsten Gemeinden Österreichs zählen. In solchen Regionen treffen hohe Kreditraten und schwache Einkommenslage besonders hart aufeinander.
Die Bezirke Liezen, Murtal und Murau stehen aufgrund ihrer demografischen und wirtschaftlichen Lage stärker im Fokus als die Zentralräume entlang der Südautobahn. Der Bezirk Voitsberg wiederum verzeichnet einen starken Strukturwandel, der sich auch im Immobilienmarkt niederschlägt. In den Tourismusregionen wie Schladming oder dem Thermenland bleiben die Termine vergleichsweise niedrig, weil hier Objekte meist auch ohne gerichtliche Verwertung wirtschaftlich gut platzierbar sind.
Bei den Objekttypen lassen sich in der Steiermark einige Muster erkennen: In den ländlichen Bezirken dominieren freistehende Einfamilienhäuser mit älterem Baubestand, oft aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Diese Liegenschaften haben häufig einen hohen Sanierungsbedarf, was die erzielbaren Meistbote zusätzlich drückt. In Graz und Graz-Umgebung kommen vermehrt Eigentumswohnungen in die Versteigerung, vor allem aus dem Segment der Anlegerwohnungen, die in der Niedrigzinsphase zwischen 2018 und 2022 erworben wurden. Bei Gewerbeimmobilien sind kleine Gastronomiebetriebe, Produktionsstätten mit veralteter Technik sowie Bürogebäude in weniger frequentierten Lagen am häufigsten betroffen.
Innerhalb der Landeshauptstadt Graz konzentrieren sich Zwangsversteigerungen traditionell auf ältere Gewerbeobjekte und ehemalige Produktionsstätten, seit 2024 aber zunehmend auch auf Eigentumswohnungen in weniger gefragten Randlagen. Bei den Immobilienpreisen zeigt sich im steirischen Bezirksvergleich 2026 ein ähnliches Muster: Regionen mit schwacher Kaufkraft weisen nicht nur niedrigere Preise auf, sondern auch höhere Versteigerungsquoten.
Chancen und Risiken für Käufer bei steirischen Zwangsversteigerungen
Für Immobilieninteressenten können Zwangsversteigerungen eine Gelegenheit sein, ein Haus, eine Wohnung oder ein Grundstück unter Marktwert zu erwerben. Der Ablauf ist transparent, das Schätzgutachten liegt offen, und Notarkosten entfallen bei der gerichtlichen Versteigerung – der Beschluss über den Zuschlag ist selbst die Grundlage für die Grundbucheintragung. Die normale Grunderwerbsteuer von 3,5 Prozent und die Eintragungsgebühr fallen jedoch wie beim klassischen Immobilienkauf an.
Trotzdem sind mehrere Risiken zu beachten:
- Keine Gewährleistung: Mängel können nach dem Zuschlag nicht beim Voreigentümer reklamiert werden
- Eingeschränkte Besichtigung: Oft ist nur ein einziger Termin möglich, manchmal ist die Immobilie noch bewohnt
- Bestehende Rechte: Dienstbarkeiten, Wohnrechte oder Mietverhältnisse bleiben unter Umständen aufrecht
- Finanzierung: Der Meistbietende muss das Vadium sofort hinterlegen und das volle Meistbot innerhalb der gesetzten Frist zahlen
- Kein Schnäppchengarant: In gefragten Lagen nähert sich der Zuschlagspreis oft dem Marktwert an, echte Abschläge finden sich primär bei problematischen Objekten
Wer in der Steiermark bieten will, sollte vorab die Ediktsdatei der österreichischen Justiz konsultieren, das Gutachten prüfen, die Finanzierung absichern und idealerweise eine Zwangsversteigerung als Beobachter besuchen. Die Beiziehung eines Rechtsanwalts oder einer Bietvertretung ist zwar nicht verpflichtend, in komplexen Fällen aber sinnvoll.
Ausblick: Was 2026 und 2027 zu erwarten ist
Die Rahmenbedingungen sprechen dafür, dass die Zahl der Zwangsversteigerungen in der Steiermark auch 2026 hoch bleibt. Zwar hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen bereits gesenkt, doch viele Privatkredite aus der Niedrigzinsphase laufen erst in den nächsten zwei Jahren aus oder werden an den aktuellen Zinssatz angepasst. Die Industriellenvereinigung rechnet auch im Frühjahr 2026 mit keiner nachhaltigen Konjunkturerholung, was zusätzliche Insolvenzen und Zwangsversteigerungen nach sich ziehen wird.
Gleichzeitig stabilisiert sich der steirische Wohnungsmarkt 2026 nach dem starken Rückgang der Fertigstellungen im Vorjahr. Ein erhöhtes Angebot an Versteigerungsobjekten trifft damit auf einen Markt, der selbst in Bewegung ist. Experten erwarten, dass die Erlösquoten bei Versteigerungen weiter unter Druck kommen – nach aktuellem Stand könnte der Erlös-Index erstmals seit 15 Jahren wieder unter 100 Punkte fallen. Für Schuldner ist das eine schlechte Nachricht, weil der Erlös oft nicht zur vollständigen Tilgung der Forderung reicht und Restschulden zurückbleiben.
Für die steirische Immobilienbranche bedeutet die Entwicklung einen Strukturbruch. Banken, Anwaltskanzleien und Sachverständige melden erhöhte Auslastung, während Bauträger und Makler sich auf einen verlangsamten Markt einstellen. Wer als Käufer Liquidität und Zeit mitbringt, findet in der Steiermark 2026 ein Umfeld, in dem Zwangsversteigerungen wieder zu einer ernsthaften Option werden – nicht als Schnäppchenjagd, sondern als kalkulierter Einstieg in den regionalen Immobilienmarkt.
Quellen
- Zwangsversteigerungen in der Steiermark – eine Liste
- immobilien investment: Starker Anstieg bei Immo-Zwangsversteigerungen (SmartFacts-Daten 2025)
- Bundesministerium für Justiz: Ediktsdatei und Kundmachungen der Justiz
- JUSLINE: Exekutionsordnung (EO) – Gesamter Gesetzestext
- oesterreich.gv.at: Exekution wegen Geldforderungen – Ablauf und Rechte